Sie sind hier: Pressestimmen  

PRESSESTIMMEN

zu Reigen:

Die kalte Mechanik der Ware Sex

[…] Besonders reizvoll an der Erthaltheater-Inszenierung ist der Rollentausch zwischen männlichen und weiblichen Darstellern. Bauer, die der Dirne als einziger Figur eine unterschwellige menschliche Wärme verleiht, verkörpert auch den jungen Herrn und den Dichter überzeugend. […]

Amberg in roter Robe als junge Ehebrecherin, verführt vom jungen Herrn in einer Hosenrolle: Diese Paarung ist ähnlich witzig umgesetzt wie Gottstein als Diva im wallenden Adele-Sandrock-Kostüm, die neckisch den Dichter-»Wüstling« in Schranken weist. Für ein besonderes Bonbon sorgt Gottstein zudem als schwäbelnder Ehemann, der seiner vermeintlich treuen jungen Frau den Umgang mit untreuen Gattinnen strikt verbietet. […] Main-Echo (Melanie Pollinger) am 19.02.2018




zu HONIG IM KOPF

Liebe und menschliche Wärme gegen das Vergessen

Die Inszenierung nach der
Bühnenfassung von Florian Battermann und René Heinersdorff hielt genau
die richtige Balance zwischen lustiger Unterhaltung und sensibler
Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz...
Es wurde viel gelacht bei der Premiere, doch es gab auch stille,
nachdenkliche Momente. Berührend und zugleich irritierend war die Musik
von Armin Gottstein, der in der Rolle von Amandus’ Sohn Nico zu sehen
ist. . . . Auch sonst wurde akustisch und optisch viel geboten (koordiniert von
Technikerin Mila Korkin), um das Spiel von nur vier Darstellern
atmosphärisch dicht in Raum und Zeit einzubetten.
. . . Nicola Borgmann spielt Opas »geliebte kleine
Principessa« Tilda überzeugend kindlich.. .
Grazia Dominante stellt Sarahs Verwandlung von der kaltschnäuzigen Egoistin in
einen verantwortungsbewussten und mitfühlenden Familienmenschen sehr
geschmeidig dar.
Main-Echo (Melanie Pollinger) am 19.01.2018




zu Die 39 Stufen

Ein Schuss im Dunkeln
Die span­nen­de Hand­lung spitzt sich auf der klei­nen Büh­ne des uri­gen Ert­hal­thea­ters in Aschaf­fen­burg zu - dann fällt ein Schuss aus dem Hin­ter­grund und die Zu­schau­er zu­cken er­schro­cken zu­sam­men. Eben­so wie die Schau­spie­le­rin Co­rin­na Fuchs, in der männ­li­chen Rol­le des Pro­fes­sors Jor­dan, die nun töd­lich ge­trof­fen zu Bo­den sinkt.
Nur vier Schauspieler schlüpfen in mehr als 20 Rollen und bringen die Adaption des Filmklassikers »Die 39 Stufen« von Altmeister Alfred Hitchcock mit minimalistischen Requisiten auf die Bühne. Dabei gelingt es ihnen, eine spannende und komplexe Handlung nahezu absurd komisch auf die Bühne zu bringen. . . .
Den vier Schauspielern des Erthaltheater-Ensembles gelingt es auf eindrucksvolle Weise, ein spannendes und humorvolles Stück auf die Bühne zu bringen, bei dem sie ihre gesamte Spiel- und Experimentierfreude zeigen können. Matthias Hock überzeugt in seiner Rolle als ungewollter, aber doch smarter Agent Richard Hannay.
Marion Marli schlüpft mühelos in drei verschiedene Frauenrollen und spielt diese überzeugend und mit sehr charmantem, französischem Akzent. Corinna Fuchs und Rene Fugger übernehmen gemeinsam die restlichen Rollen und erfüllen diese mit kindlicher Spielleidenschaft.

Das 2005 von Patrick Barlow erstellte Bühnenstück läuft unter der Regie von Dieter Schaller noch bis Ende 2018. Die Premiere endete mit viel Beifall des Publikums.
Main-Echo vom 26.10.2017 (Maren Franz)





LICHT AUS - VORHANG ZU

Kleinkunst: Musiker Garrecht startet mit Stargast Andy Ost eine neue Theaterreihe
»Licht aus, Vorhang zu«, heißt die neue Kleinkunstreihe, die der schlagfertige Seligenstädter Musiker am Donnerstagabend im kuscheligen Erthaltheater startete. Ihm zur Seite stehen Maximilian Mörke (Bass), Simon Seipel (Ukulele, Akkordeon, Gitarre), Maximilian Völk (Gitarre) und Tobias Wehner (Schlagzeug).
Dann erscheint ein weiterer Gast, die meisten im Publikum kennen ihn: Posaunist Andreas »Blocker« Stumpf, bekannt unter anderem durch die Poppgruppe, die Music Monks oder den Musikverein Großwelzheim.
Improvisation ist alles, das macht den Charme der neuen Reihe aus, die Garrecht gemeinsam mit Erthal-Intendantin Nina Mähliß organisiert. Keiner weiß im Voraus, was passiert.
CORNELIA MÜLLER (Main-Echo)




zu Faust

Gretchens Wahnsinn

Goethes »Faust« als düsterer Kriminalfall mit wenigen, psychologisch sehr differenziert gezeichneten Figuren: Eine Reduktion des Schauspiel-Klassikers auf die brutale dramatische Essenz ist dem Aschaffenburger Erthaltheater mit seiner neuen Inszenierung gelungen.
Dem Mephisto, wie er hier auftritt, könnte man überall im Rotlichtmilieu begegnen. Benny Berger verkörpert den »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, doch nur das Gute schafft«, ausgesprochen diesseitig: jung und gut aussehend in weißen Jeans zu rotem Hemd mit dicker goldener Zuhälter-Kette.
Faust am Ende seiner Weisheit: Armin Gottstein zeichnet ihn als verwahrlosten Trinker in einem schmuddeligen »Studierzimmer«. Fausts schwerzüngiger Monolog ist eine Abrechnung mit dem eigenen Scheitern und der Nutzlosigkeit dessen, was in all den auf dem Boden verstreuten Büchern zu finden ist.
Nicola Borgmann hat als Gretchen alles, was man sich von dieser komplexen Rolle wünscht. Faust und Gretchen zusammen auf dem Bett, zwischen zärtlichen Umarmungen die »Gretchenfrage« nach der Religion erörternd: Das ist eine gelungene Schlüsselszene. Gottstein spielt den selbstverliebten geilen Bock, der seine Argumente von einer allumfassenden göttlichen Liebe nutzt, um ein argloses Kind für Sex zu gewinnen. Wie gefangen in einem Spinnennetz wirkt das Mädchen.
Atemberaubend spielt Borgmann Gretchens Wahnsinn. Das Finale mit dem letzten Satz »Heinrich, mir graut vor dir« lässt die Zuschauer gebannt im Dunkeln schweigen, bevor begeisterter Applaus losbricht.
(Main-Echo) Melanie Pollinger




zu Loriot

Szenen zwischen Komik und Tragik

Ein Seiltanz, federleicht mit plötzlichem Plumpsen: Das Leben in den Szenen und Sketchen von Vicco von Bülow alias Loriot hangelt sich durch Volten aus Lockenwicklern und Viereinhalb-Minuten-Eiern, durch Karl-Heinzens Gelüste und Fräulein Renates aufflammende Begierde, Hoppenstedt bis hin zur Paartherapie samt Rubens »Raub der Töchter des Leukippos«.

Und immerzu wird jeder von allem ertappt. Ich, du, er sie es - wir alle sind Subjekt und Objekt zugleich in diesem fragil austarierten Kosmos des großen Menschenliebhabers Vicco von Bülow (1923-2011) und sitzen bei der Inszenierung seiner hinreißenden Miniaturen „»Nilpferd in Burgundersauce oder: Loriots heile Welt«“ durch Jürgen Overhoff im Aschaffenburger Erthaltheater auf einem witzigen Schleuderstuhl, der uns jederzeit in jeder Lebenslage aus der Kurve tragen könnte.
. . . Irgendwie kennt man sie alle, so wie sie von Grazia Dominante, Simone Seebacher, Armin Gottstein und Dieter Schaller gestaltet werden.
Und das alles zwischen Nilpferd in Burgundersauce, Stachelschweinkaltschale oder Backobst mit Gürteltierklößchen. Wunderbar, wie alles angerichtet ist.
Anneliese Euler




zu Die Mausefalle

Getrieben von der Mechanik der Angst

Für alles gibt es ein erstes Mal, so auch für Mollie und Giles Ralston, gespielt von Mila Korkin und Günter Geisler, die zu Beginn ihre neue Pension den ersten Tag öffnen. Ihre Aufregung und Unsicherheit ist groß, beide möchten nichts falsch machen und bemühen sich nach Kräften, ihre angemeldeten Gäste gebührend zu empfangen.

Diese könnten nicht unterschiedlicher sein, da gibt es Mrs. Boyle, herrlich verschroben gespielt von Bettina Sickenberger, die junge, schräg-verrückte Chris Wren (Coco Fuchs), den strammen Armee-Pensionisten Major Metcalf (Josef Pömmerl) und den Überraschungsgast Mr. Paravicini - köstlich-italienisch interpretiert von Rene Fugger.. . .
Unerwartet tritt nun auch noch Sergeant Trotter, wunderbar eindringlich gespielt von Matthias Hock, auf Skiern in der Pension ein, um zu ermitteln. Als nach kurzer Zeit auch noch die Telefonleitung gekappt ist, dämmert es allen schnell: Der Mörder muss unter ihnen sein.
Regisseur Dieter Schaller gelingt es vortrefflich, jedem der Charaktere Raum für sein Spiel und seine Besonderheit einzuräumen. . . . Die Zuschauer kommen nicht umhin, sich insgeheim zu fragen: Wie gut kennt man seine engsten Vertrauten eigentlich wirklich? Hat nicht jeder Mensch seine Geheimnisse und ist gut darin, diese für sich zu behalten?
Theaterliebhaber erwartet ein unterhaltsamer und spannender Abend. (Cornelia Czermak)




 

Die Acht Frauen




 

Damen mit Doppelleben

Dieter Schaller inszeniert die Kriminalkomödie »Acht Frauen« auf stimmige Weise im Aschaffenburger Erthaltheater


Regisseur Dieter Schaller hat auf karikierende Überzeichnung gesetzt in der Bühnenversion der Kriminalkomödie, […] Den Reigen der raffinierten Biester eröffnet Mila Korkin als Zimmermädchen Louise mit einem walzertänzelnden Soloauftritt, den Hintern in knappen Shorts schwingend und auf hohen Absätzen stöckelnd. Ihr gellender Schrei nach der Entdeckung des - auf der Bühne unsichtbaren - Hausherrn Marcel, blutüberströmt mit einem Messer im Rücken im Bett liegend, ruft die zum Weihnachtsfest versammelte Familie auf den Plan.
An der Figur von Marcels treuloser Frau Gaby lässt Schauspielerin Simone Seebacher kein gutes Haar. Sie besticht mit ihrer gnadenlosen Darstellung kalt berechnender Eitelkeit, gepaart mit nervösem Alkoholismus. Nathalie Frede verkörpert Gabys Tochter Suzanne als interessante Mischung aus verlogener braver Tochter und hemmungsloser Aufdeckerin - nur nicht der eigenen Doppelmoral, solange sie nicht von den anderen Frauen in die Enge getrieben wird.
Jenny Ulbricht ist in ihrem komödiantischen Element als hypochondrische, dauermaulende Augustine, Schwester von Gaby. […] Zupackend lebendig agiert Anette Krüger als Catherine, Marcels Lieblingstochter, die das Lügengespinst aufdeckt - und dabei im Übereifer eine fatale Maschinerie in Gang bringt.
Main-Echo vom 29.3.2016 (Melanie Pollinger)




ROMEO UND JULIA

Brennender Herzschmerz, schlüpfriger Humor und ein Klacks Kitsch: In dieser Mischung kommt »Romeo und Julia« auch beim jungen Publikum an, besonders wenn die Liebenden so aufregend ästhetisch agieren wie Benny Berger und Nathalie Frede in der aktuellen Inszenierung des Aschaffenburger Erthaltheaters. […]
Regisseur Jürgen Overhoff und Dramaturgin Nina Mähliß haben etliches gegen den Strich gebürstet in ihrer poppig bunten Version des über 400 Jahre alten Shakespeare-Klassikers. Beim Prolog und Epilog stehen sich maskierte Gestalten mit roten und blauen Laserschwertern gegenüber, stellvertretend für die bis aufs Blut verfeindeten Veroneser Familien Capulet und Montague. Bei der Party im Hause Capulet schweben rote Luftballon-Herzen durch den Raum.
[…] Nathalie Frede hat als zerbrechliche Julia im weißen Kleid durchaus Biss, als sie beim Warten auf Romeo zwischen Schwärmerei und zappeliger Ungeduld schwankt. Der bestechend natürlich auftretende Benny Berger bekommt am Schluss den heftigsten Applaus.
Trotz des flockig-leichten Seifenoper-Beiwerks gibt es berührende dramatische Momente in der facettenreichen Inszenierung. Das ausdrucksvolle Spiel der Hauptdarsteller ermöglicht Szenen von zärtlicher Verschmelzung und herzzerreißendem Schmerz. Im Kontrast zur abgeklärten Klugheit, mit der Armin Gottstein den Mönch Lorenzo verkörpert, wirkt die Verlorenheit der jungen Liebenden umso tragischer. […]

Main-Echo vom 22.2.2016 (Melanie Pollinger)




 



Kunst

Intellektuelle Diskussion zwischen Rutsche und Indianerzelt

Schauspiel: »Kunst« von Yasmina Reza im Aschaffenburger Erthal-Theater –
Es braucht nicht viel, um Menschen gut zu unterhalten

[…] Es ist ein simples, höhnisches Lachen und der Satz »Es ist eine Scheiße« von Marc (Armin Gottstein), welcher die Krise zwischen ihm und Serge (Dieter Schaller) auslöst. Die Krise wegen eines Bildes, das der vermögende Arzt Serge gekauft hat und das er jetzt stolz seinem Freund präsentiert. Doch der hat nur Spott für das Kunstwerk als auch für Serge übrig.
Damit beginnt auch »Kunst« im Aschaffenburger Erthal-Theater. Wer Oliver Reeses streng-unterkühlte, aber hoch ironische Inszenierung im Frühjahr 2014 in Frankfurt gesehen hat, der wird sich auch von Jürgen Overhoffs Variante ebenso bestens unterhalten fühlen.
[…] Wenn Gottstein als Marc beschwörend wie die Schlange Ka aus dem Dschungelbuch auf Yvan einredet, um ihn auf seine Seite zu ziehen oder wenn Serge mal wieder die beleidigte Leberwurst gibt, dann ist das höchst amüsant. […]
Es braucht nicht viel für gutes Theater. Gute Schauspieler, eine zündende Idee – mehr nicht. »Kunst« im Erthal-Theater zeigt, wie wenig es auf der einen Seite braucht – und wie viel man mit den richtigen Zutaten erreichen kann.

Main-Echo vom 10.10.2015 (Bettina Kneller)




 



 

Gefangen in einem kranken Spiel
Sprechtheater: Starker Psychothriller »Misery« nach Stephen King im Aschaffenburger Erthaltheater

[…] Viele kennen sicher den Film von 1990, viele die Buchvorlage von Stephen King. Aber das Stück auf einer Theaterbühne umzusetzen, ist noch mal eine ganz andere Herausforderung. Regisseur Jürgen Overhoff liebt diese Herausforderungen und nimmt sie immer wieder gerne an.
Und so ist es ihm auch dieses Mal wieder mühelos gelungen, den Horror, der sich nicht so sehr in physischer Form, sondern eher zwischen zwei Menschen abspielt, plastisch, spürbar werden zu lassen. Dazu trägt auch die zwischen den Szenen eingespielte Orgelmusik von Armin Gottstein bei, die mit minimalistischen Klängen unterschwelliges Grauen verbreitet.
Dem dichten Kammerspiel der beiden Schauspieler Simone Seebacher und Josef Pömmerl kann man sich auch als Zuschauer nur schwer entziehen.
[…] Wenn Seebacher von einem Moment auf den anderen die Gesichtszüge entgleiten und sie vom süßlichen Ton in die herrische Befehlsstimmlage wechselt, sie wütend mit den Augen rollt und sich ihre Mimik verkrampft, dann spielt sie die Psychopathin nicht nur, sondern sie ist es. Das ist brillant, und fast hat man den Eindruck, als mache es ihr einen höllischen Spaß, das darzustellen. Gleichzeitig aber ist sie klug genug, nicht zu überziehen.
In ihren sadistischen Fängen schrumpelt Josef Pömmerl zu genau dem armen Würstchen zusammen, was sie für ihr perverses Spiel braucht. Pömmerl spielt den armen, ans Bett gefesselten Autoren […] glaubhaft, aber durchaus mit unterschwelligem Biss. […] Manchmal ist gerade das Einfache das Schwierigste. »Misery« ist mit wenigen Mitteln zu maximaler Wirkung entfaltetes Theaterspiel. Und vermag dabei mehr zu fesseln als mancher Kinofilm.

Main-Echo vom 23.03.2015 (Bettina Kneller)








 



 

Auch Nathan ist Charlie
Schauspiel: Jürgen Overhoff inszeniert Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise« im Aschaffenburger Erthaltheater – Ohne Happy End

Auch Nathan ist Charlie. Der Weise erzählt Sultan Saladin die Ringparabel von der Gleichheit der Religionen und heftet dabei »Je suis Charlie« an die Wand. Das Zeichen der Solidarität mit den von islamistischen Terroristen ermordeten Pariser Karikaturisten passt in die aktuelle Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise«, die am Donnerstagabend im Erthaltheater Premiere hatte.
[…] Overhoff hat Lessings Blankverse um über die Hälfte gekürzt, was Spitzen und Stacheln umso deutlicher hervorhebt, trotz der weitgehend ungeglätteten alten Sprache. Das Publikum hält den Atem an, als der Patriarch von Jerusalem (Günter Geisler) mit diabolischer Miene räsoniert: »Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? - Zu sagen: - ausgenommen, was die Kirch' an Kindern tut.«
[…] Steffen Rosenberger hebt den Unterhaltungswert des Stücks beträchtlich, indem er den Tempelherren als schwäbelnden Jungspund mimt, als einen, der das Herz auf der Zunge trägt, es aber im entscheidenden Moment auf dem rechten Fleck hat.
Ein Happy End wie bei Lessing gibt es in Overhoffs Inszenierung nicht. Während Juden, Christen und Muslime in brüderlicher Umarmung verharren, gellt ein Ausschnitt aus der Rede, die Adolf Hitler am 30. Januar 1942 über »die Vernichtung des Judentums« hielt, durch den Raum.

Main-Echo vom 17.01.2014 (Melanie Pollinger)




 



 

Die ganze Welt ein Irrenhaus
Theater: Georg Büchners »Woyzeck« im Aschaffenburger Erthaltheater ist ein Lehrstück über das Leben und seine Abgründe

[…] In einzelnen Szenen klappt die Vorgeschichte zum Mord auf. Die sechs Schauspielerinnen Michelle Caccamese, Coco Fuchs, Mila Korkin, Annette Krüger, Jenny Ulbricht und Alexandra Zang sind jede mal Woyzeck, jede mal Marie, jede mal der Hauptmann oder der Arzt.
Besonders Jenny Ulbricht ist eine Art Zugpferd, wird zum Gesicht der Inszenierung. Sie ist ein wirklich sich zutiefst selbst quälender und gehetzter Woyzeck. Nicht weniger aber glänzen Alexandra Zang, Mila Korkin – die so schön mit Wahn in den Augen Erbsen löffeln kann – oder auch Coco Fuchs, die Woyzeck wieder eine ganz andere Facette abgewinnt. Aber auch Annette Krüger und Michelle Caccamese wirken überzeugend in ihren Darstellungen.
Es ist eine große Collage, die Overhoff entwickelt hat. Eine offene Anordnung, ein Experiment - was der Vorlage wohl am ehesten entspricht, denn bekanntlich ist Büchners »Woyzeck« ein unvollendetes Dramenfragment. Gleich-zeitig unterstreicht diese Bruchstückhaftigkeit auch die unterschwellige Unheimlichkeit, die im Stück über der Handlung liegt. Alles wankt, auf nichts ist Verlass, alles ist Lüge und doppelter Boden. So fühlt sich Woyzeck, das hat ihn zum Mord an seiner Geliebten getrieben - und diese Haltlosigkeit, diese Verzweiflung transportiert die Inszenierung auf großartige Weise.
[…] Der »Woyzeck« im Erthaltheater ist kein Wohlfühlstück, das kann er auch gar nicht sein. Aber er ist Theater, das fesselt und berührt. Weil er Menschen schildert, die in extreme Situationen geraten und die nicht mehr weiter wissen – und deswegen zum Mörder werden. Und weil er so pur ist und so nahe an Büchners Text, ist er auch zeitlos – und damit absolut sehenswert.

Main-Echo vom 11. Oktober 2014 (Bettina Kneller)




 



 

Menschliche Abgründe entlarvend
Schauspiel: Yasmina Rezas »Drei Mal Leben« im Aschaffenburger Erthaltheater ist ein pures Kammerspiel

Vier Menschen, zwei Männer, zwei Frauen, jeder für sich stehend, unglaublich mit sich beschäftigt und um sich kreisend: Das muss schief gehen. Und weil es so schön ist, den vieren dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig mit Worten zerfleischen, wird das missglückte Zusammentreffen der beiden Paare gleich drei Mal durchgespielt in Yasmina Rezas Bühnenstück »Drei Mal Leben«.
Jürgen Overhoff hat das Erfolgsstück der Französin für das Aschaffenburger Erthaltheater eingerichtet. Ein Glücksfall, denn der rund 80-minütige Abend ist so kurzweilig, dass die Zeit wie im Flug vergeht.
[…] Die vier Schauspieler kosten ihre Rollen voll aus, zeichnen ihre Figuren mit viel Prägnanz. Und sie sind sie wirklich: Seebacher ist die rationale Maschine, die zum Angriff übergeht, als sie ihre Familienbastion attackiert sieht, Geisler der kriechende Versager, der sich nie behauptet hat, der immer nur kuscht. Und auf der anderen Seite ist Schaller der selbstgefällige Narziss, der sich gerne selbst reden hört und der seiner Frau mit Vorliebe den Mund verbietet. Was sich Fischer als selbstbewusste Ines nicht gefallen lässt.
Das Fass muss überlaufen mit dieser Kombination. Die Spannung zwischen den vier Personen ist mit Händen zu greifen, so plastisch bringen die Schauspieler das auf die Bühne. […] Menschliches, allzu Menschliches thematisiert das Kammerspiel im Erthaltheater. […] Nichts soll vom intensiven Spiel, von den Dialogen ablenken. Pur wirkt die Inszenierung. Und entlarvt so die menschlichen Abgründe der Figuren einmal mehr. Köstlich.
Und als die drei Varianten einer missglückten Abendverabredung hinter einem liegen, verharrt man im Theatersessel. Und ist fast ein wenig traurig, dass die kurzweiligen Szenen mit der Viererbande schon am Ende angelangt sind. Man hätte gerne noch mehr davon gesehen.

Main-Echo vom 21. März 2014 (Bettina Kneller)




 



 

Fäkal-Sprache auf reiner Bühne
Theater: »Die Präsidentinnen« zelebrieren im Erthaltheater auf Toiletten sitzend ihre absurden Streitgespräche

[…] Am Mittwochabend war im Erthaltheater Premiere für das unappetitliche Dreigestirn, das weit mehr berührte als provozierte. Denn die Schauspielerinnen Judith Beier als Erna, Katja Hufgard als Gretl und Agnieszka Kleemann als Mariedl agierten großartig vulgär, eklig, spießig, geil, hysterisch, bösartig und mörderisch auf der klinisch reinen Bühne. […] Mariedl weckt am ehesten so etwas wie Mitleid mit all den mies bezahlten Dienstleisterinnen und Dienstleistern am unteren Rand der Gesellschaft. […] Erna mit ihrer bigotten Sprache sagt es am Schluss: »Jeder Mensch auf der Welt hat seine eigene Leich' im Keller.« Und will doch die eigene Leich' - den gegängelten und an Weltekel erstickenden Sohn - nicht erkennen. Baier spielt virtuos mit Ernas Text. Sie ringt sich schnaufend Wörter wie »Verkehr« oder »Stuhl« ab und lässt Sätze wie »Ich kann meinen Glauben nicht mit einem Sex und einem Haufen vereinigen« platzen wie faule Tomaten an der Wand.
Es wurde viel gelacht bei der Premiere über die schrill herausgeputzten Klofrauen, die sich auf dem Abort sitzend in absurde Streitgespräche hineinsteigerten. Doch dann blieb einem das Lachen im Hals stecken, etwa als sich unmissverständlich abzeichnete, dass Gretl nichts gegen den Missbrauch der Tochter durch den eigenen Vater unternommen hat. […] Gnadenlos monströs mimt Hufgard die brünstigen Anwandlungen von Gretl, die sich den potenten Musiker Freddy als imaginären Analsex-Partner vorstellt. Auch hier bleibt alles optisch und olfaktorisch sauber. Doch die Sprache stinkt zum Himmel, so wie die ganze verlogene Abtritt-Welt, in der das völlig sehenswerte Stück von den drei Klofrauen in der Endlosschleife gefangen ist.

Main-Echo vom 14. Februar 2014 (Melanie Pollinger)




Druckbare Version